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Ohne die liebe Julia hätte ich wahrscheinlich niemals Nigel Slater für mich entdeckt. Eines schönen Sommertages erzählte sie mir von diesem ruhigen, in sich gekehrten Food-Journalisten und Koch, der mit einer ganz speziellen Art an die Lebensmittel herangeht. Als „nachdenklichen Koch, fernab vom überschäumenden Enthusiasmus eines Jamie Olivers“ beschrieb sie ihn und machte mich somit neugierig. In England ist Nigel Slater ja schon seit langem bekannt: der Food-Journalist hat sich dort schon vor Jahren einen Namen gemacht. Seine Autobiografie „Toast“ wurde sogar von der BBC mit einer herrlichen Besetzung verfilmt und nun hat dieser Foodie durch und durch sein neuestes Kochbuch in zwei Teilen auch auf den deutschen Markt gebracht.

Und Anfang dieses Jahres zog ein Teil davon, „Tender | Von der Aubergine bis zur Zwiebel“ von Nigel Slater aus dem Dumont-Verlag, bei uns ein. Eine Woche lang lag es bis auf ein kurzes Durchblättern für den ersten Eindruck erst einmal nur da. Zu groß war die Erwartung dachte ich, denn bisher hatte ich so viel Gutes darüber gehört. Als ich es letztlich aufschlug war es ein sonniger Tag. Die Vögel zwitscherten im Garten um die Wette, der erste richtige Hauch des kommenden Frühlings war zu spüren, mit all seiner Energie. Ich nahm das schwere Buch in die Hand, setzte mich in die Sonne und begann zu lesen. Und hörte nicht mehr auf. Es fesselte mich und ich spürte, wie Nigel Slater etwas in mir ansprach, das mich zur Ruhe kommen lies.

Inzwischen ist dieses Buch zu einem Schatz in unserer Küche geworden. Ein „Nachschlagewerk“ könnte man sagen, doch das trifft es nicht ganz.

Tender ist tatsächlich das erste Kochbuch, das ich kenne, das sich wie ein Roman lesen lässt. Ab und an fühle ich mich beim Lesen an Siebeck erinnert, aber nur ein kleines Bisschen. Denn Nigel erzählt mit einer Leidenschaft zu den Lebensmitteln und einem Respekt zu den Dingen an sich, mit der man sich beim Lesen in eine eigene Welt versetzt fühlt, die man am liebsten nie mehr verlassen mag. Eine Welt, in der ein Salatkopf der Mittelpunkt der Erde ist, wenn man ihm beim Wachsen zusieht. Eine Welt, in der man einer Erbsen-Schote Respekt erweist und einer Zwiebel die Aufmerksamkeit schenkt, die sie verdient. Etwas, das in einer Welt voller Massenproduktion mit deren Folgen viel zu selten geworden ist.

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Coverdaten vom Dumont-Verlag zur Verfügung gestellt

Zum Äußerlichen:

Mit einem Umfang von 624 Seiten und einem Gewicht von knappen zwei Kilo hat man mit „Tender | Gemüse“ einen richtigen Schinken an Kochbuch in der Hand. Das erste Durchblättern erfreut das Auge der Mediengestalterin in mir: Wunderschön aufgemacht ist es! Ohne viel Schnickschnack aber mit einem feinen Gespür für Grafik und Harmonie. Schön zu wissen: Nigel Slater hat das Buch selbst geschrieben und gestaltet. Eher selten in der Kochbuch-Szene, erst recht der Punkt der Gestaltung. Die stimmungsvollen Fotografien von Jonathan Lovekin sprechen einen an und in Kombination mit Nigels Schreib- und Grafikstil wird man auf jeder einzelnen Seite geradezu in Slaters Garten und seine Küche entführt. Nach einer mehrseitigen Einführung geht es umgehend los mit dem ersten Gemüse: der Aubergine, die liebevoll beschrieben wird, bevor es an die Rezepte geht. Die Gemüsesorten reihen sich alphabetisch hintereinander im Buch an, so dass man schnell nachschlagen kann ohne das Inhaltsverzeichnis aufzusuchen. Ein Buch, das sich selbst erklärt. Zudem ziert ein Lesebändchen das Werk – bei Kochbüchern immer eine feine Sache.

Der Inhalt:

Die Lebensmittel an sich (in diesem Fall das Gemüse), stehen in diesem Buch herrlich im Vordergrund. Neben der alphabetischen Reihenfolge der Kapitel, die nach dem jeweiligen Gemüse benannt sind, lassen die vorgestellten Rezepte, Bilder und Unterüberschriften jederzeit keinen Zweifel daran, in welchem Kapitel man sich gerade befindet. Zudem wird das vorgestellte Gemüse jederzeit als Star behandelt: Erst in der liebevollen Beschreibung des Gemüses und der Pflanze selbst inklusive Anbau-Tipps (ganz toll finde ich die Sorten-Empfehlungen von Nigel, die einem bei der Wahl des Saatguts unterstützen). Dann in dem Unterkapitel „in der Küche“ mit einer Auflistung passender Zutaten und einer Erklärung dazu, wie man das Gemüse am besten zubereitet. Und nicht zuletzt glänzt das Gemüse schließlich auch in den Rezepten und ist die Hauptattraktion auf jedem Teller. Man spürt Nigels Leidenschaft auf jeder Seite und muss fast schon schmunzeln, wenn er sich liebevoll darüber auslässt, wie er einer einfachen Zwiebel huldigt; vom Moment in dem er sie aus der Erde buddelt, bis hin zur Karamellisierung in „guter Butter“. Das Nachschlagen wird durch den Kapitelnamen neben der Seitenzahl am äußeren Seitenrand erleichtert, sowie durch das übersichtliche Register, das neben den Zutaten auch nach Zubereitungsarten (wie z.B. „Suppen“) sortiert ist.

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Nachgekocht: Schlanke, gebackene Auberginen, Joghurt und Gurke von Seite 38

Die Rezepte:

Man sollte tatsächlich schon einmal einen Topf in der Hand gehalten haben, bevor man etwas aus diesem Buch nachkocht. Nigel hält sich kurz mit ausführlichen Erklärungen, wie beispielsweise zum Andünsten. Man sollte also ein gewisses Vorwissen, wie „wenn ich etwas 20 Minuten in guter Butter andünsten muss, sollte ich mehr als eine Messerspitze Fett verwenden und die Temperatur muss ich niedrig halten“ bereits im Kopf haben. Hat man dies jedoch wird aus einem schlichten Rezept für eine Zwiebelsuppe eine poetische und fast schon sinnliche Kurzgeschichte. Noch nie habe ich in einem Kochbuch so wunderschön geschriebene Rezepte gelesen. Sie verführen zum Kochen!

Sie locken einen aus seinem Mauseloch des Eingefahren seins hervor, inspirieren dazu Neues auszuprobieren und öffnen einem die Augen, wie spannend Gemüse sein kann. Man erfährt, wie wunderbar es sein kann mit ehrlichen Zutaten und ein wenig Leidenschaft beim Zubereiten ein leckeres Abendessen zu zaubern. Der Punkt des Genusses und der Freude an den einfachen Dingen des Lebens rückt hier stark in den Vordergrund ohne sich aufzudrängen… aber er ist ansteckend. Nach dem Kapitel über Salate, will man plötzlich nichts anderes tun als in das nächste Gartencenter zu gehen um sich „seinen“ Salat auszusuchen, ihn zu Hause anzubauen und kann es kaum erwarten ihm beim Wachsen zuzusehen… Bis man endlich (endlich!) in stiller Andacht die schönsten Salatblätter der Welt in die Küche tragen, liebevoll waschen und schließlich, mit einem leichten Dressing vermischt, vernaschen kann. Und wenn die schönsten Salatblätter der Welt auch ein wenig Hagel erwischt haben und etwas zerrupft aussehen. Rezepte mit Respekt vor den Lebensmitteln die wir verwenden und mit der wunderbaren Wirkung, dass man das, was die Natur uns schenkt, wieder schätzen zu wissen lernt.

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Nachgekocht: Kartoffelküchlein mit Mangold und Taleggio von Seite 350

Der Praxistest:

Die Rezepte halten sich herrlich knapp, übermitteln aber alles Wichtige und öffnen einem die Augen, wie viel man mit ein paar simplen Zutaten oder Kniffen beim Kochen erreichen kann. Schon einmal eine Béchamelsauce gemacht, in der für 30 Minuten eine Zwiebel und ein Lorbeerblatt schwimmen durften? Ich bis vor wenigen Wochen auch noch nicht. Man glaubt kaum, wie viel solche Kleinigkeiten ausmachen können, bis Nigel Slater einem vorschlägt „ein Lorbeerblatt in den Topf zu werfen“ und dieses „seinen Zauber wirken zu lassen“. Wegen Nigel Slater habe ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Auberginen gekocht und diese freiwillig gegessen: Zart mit gutem Olivenöl im Backofen gegart, mit ein wenig selbst gemachtem Zaziki dazu. Ergänzend dazu schnitten wir uns ein paar Scheiben vom selbst gebackenen Baguette ab und entkorkten zur Feier des Tages einen feinen Wein. Hört sich schlicht an, fühlte sich aber an, wie ein kleines Festmahl. Wegen Nigel Slater haben wir nach über zehn Jahren Hadern endlich einmal eine Zwiebelsuppe gekocht. Mit einer mit Cheddar überbackenen, krossen Scheibe selbst gebackenem Sauerteigbrot. Ein Gedicht an Abendessen. Wegen Nigel Slater habe ich jetzt auch angefangen Auberginen anzubauen. Kleine Sorten, ca. 60 cm große Pflanzen, die man perfekt in Kübeln groß ziehen kann. Und ich weiß: sobald sie in den Topf gesetzt werden und anfangen zu blühen, werde ich ein paar knallige Blümchen darunter pflanzen um die fleißigen Bienchen anzulocken.

Jedes Wochenende kochen wir derzeit mindestens ein neues Rezept aus diesem Buch nach und sind bisher begeistert. Selbst bisher verkanntes Gemüse wird zum neuen Liebling auf dem Speiseplan und die Rezepte gelingen einwandfrei. Auch lassen sie herrlich Spielraum zum Ausprobieren: Warum nicht angeschwitztes Gemüse vor dem Aufgießen mit Wasser noch mit einem Glas Wein oder Noilly Pratt ablöschen? Warum nicht Minze durch Thymian ersetzen oder ein wenig den Kartoffel-Anteil erhöhen?

Vielleicht sollte hier noch angemerkt werden, dass Nigel (sympathischerweise) weder mit Butter, noch mit Öl oder anderen fettigen Zutaten, wie beispielsweise Käse knauserig ist. Da gibt es Rezepte wie Mangold-Tartes mit geriebenem Cheddar im Mürbeteigboden oder in Fett ausgebackene Kartoffelküchlein mit weichen Käsewürfeln, die beim Braten herrlich schmelzen… oder sein Blumenkohlgratin in der „Luxusvariante“ (der Name ist Programm!). Abnehmen kann man mit diesem Buch sicher nicht, doch wer will das schon in Anbetracht der Köstlichkeiten, die dieses Buch bereit hält? Wir zumindest nicht!

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Nachgekocht: Gratinierter Blumenkohl mit Käse in der Luxusvariante von Seite 84

Fazit:

Nigel Slater hat es geschafft sich einen Platz in unserer Lieblingskochbuch-Ecke, direkt über unserer Arbeitsfläche neben dem Herd, zu sichern. Wenn ich wissen will, wie ich eine Zucchini in einem Gericht zum Glänzen bringen kann, schaue ich auf Seite 567 und weiß sofort Bescheid. Wenn ich wissen will, wie ich es schaffe, dass es unseren Tomaten im Garten besser geht, lese ich im Tender nach und weiß sofort was ich besser machen könnte. Während ich beim Einkaufen die Massen an Fertigessen in den Körben der anderen sehe, gehe ich zur Gemüseecke, suche mir die krummste und zugleich schönste, wenn auch missachtetste Gurke aus, die ich nur finden kann… und freue mich schon darauf, was ich alles mit ihr anstellen werde, wenn wir erst einmal zu Hause sind. Kann es ein größeres Lob für ein Kochbuch geben? Ich glaube kaum.

Lieber Nigel – tausend Dank für dieses wunderbare Buch!

Bewertung: ✭ ✭ ✭ ✭ ✭

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Nachgekocht: Eine Suppe mit Linsen, Speck und Mangold von Seite 348

Kurzübersicht:
Titel: Tender | Gemüse – Von der Aubergine bis zur Zwiebel
Autor: Slater, Nigel
Fotograf: Lovekin, Jonathan
Herausgeber: Dumont-Verlag
Umfang: 624 Seiten
Gewicht: 1934 g
ISBN 9783832194499
Erstausgabe: 2012
Preis: 39,95 €

Rezepte nach diesem Buch: 

Zwiebelsuppe

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Herzlichen Dank an den Dumont-Verlag, der mir das Rezensionsexemplar dieses Buches zur Verfügung gestellt hat. Meine eigene Meinung zu diesem Buch bleibt davon unberührt. 

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