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Am Mittwoch sah ich es… und wusste sofort: da mache ich mit! Melanie von Pimpimella hat auf Zorras Blog zum Event „OUTTAKES from your kitchen“ aufgerufen. Hier geht es um unsere dunkelsten Geheimnisse, die wir niemals einem Leser zumuten wollten. Tiefste Einblicke in unsere Küche, die peinlichsten Pannen, die eigentlich-ganz-ohne-Rezept-Gerichte und in unsere geheimsten Gelüste… wo immer sie uns auch hintragen.

Und ich habe beschlossen mich dafür zu outen, auch wenn mein Herz gerade vor Aufregung darüber bis zum Hals klopft und ich vor lauter Nervosität an meinen Fingern knabbere. Denn ich habe ein Geheimnis, mit dem ich zwar offen umgehe, aber das man mir nicht ansieht und welches man sich anhand des Themas, mit dem sich dieser Blog hier beschäftigt, wahrscheinlich niemals vorstellen könnte: Ich bin mit einer Speiseröhren-Fehlbildung auf die Welt gekommen. Bei meiner Geburt fehlte fast meine komplette Speiseröhre und seit meinem 13. Lebensjahr lebe ich mit einem in den Brustkorb verlagerten Magen, der quasi als Speiseröhre dient.

Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, wenn man mich beim leidenschaftlichen Kochen und Genießen sieht und selbst ich finde es an manchen Tagen unfassbar. Doch Essen war für mich früher immer etwas, das bei dem ich mitmachen wollte aber nie so richtig konnte. In meiner Familie und im engen Freundeskreis gab (und gibt es auch immer noch) einige geniale und vor allem passionierte Hobbyköche und ich fand es immer faszinierend, wie lecker es jedes Mal aus der Küche roch,… doch endeten gerade diese Mahlzeiten immer damit dass ich wieder nicht schlucken konnte und das Essen, kaum geschluckt, wieder heraus kam. So verbrachte ich oft mehr Zeit würgend vor der Toilette als am Esstisch. Die ersten 12 Jahre meines Lebens hatte ich eine Engstelle in der Speiseröhre und ich konnte ich entweder gar nicht oder nur unter großen Schmerzen essen. Genuss beim Essen? Keinesfalls!

Warum ich Euch das erzähle? Ich hoffe keinesfalls auf Mitleid! Inzwischen geht es mir richtig gut. Ich bin ein sehr optimistischer Mensch und ich genieße das Leben in vollen Zügen, wo immer ich es nur kann. Aber ich möchte das Bewusstsein schaffen für das, was möglich ist und was es in dieser großen, weiten Welt da draußen alles gibt. Und ich bin keinesfalls alleine! Es gibt sehr viele Fälle von Speiseröhren-Fehlbildungen (Fachwort: Ösophagusatresie) und wenn ich manch andere Betroffene sehe, merke ich was für ein irres Glück ich gehabt habe, dass es mir heute nun so gut geht. Und es gibt auch andere, wie mich: Menschen, die ohne (oder nur mit einem kurzen Stück) Speiseröhre leben und dennoch inzwischen leidenschaftliche Esser und Hobbyköche geworden sind. Vielleicht sogar erst recht aus diesem Grund.

Tja und warum ist das hier in diesem Beitrag so wichtig? Wenn man 12 Jahre lang kaum essen kann, versuchen die Eltern alles um einen auf ein zumindest akzeptables Gewicht zu bringen und man entwickelt sehr seltsame Vorlieben. Mit 12 Jahren war ich stolz wie Oskar, als die Waage endlich, endlich 30 kg anzeigte. Für die Operation brauchte ich ein Zulassungsgewicht von 35 kg – Ihr könnt Euch somit vielleicht vorstellen wie dünn ich gewesen bin. Ich war immer ein Spargeltarzan und habe durch die Notwendigkeit mir Kalorien zuzufügen so viele verrückte Sachen gegessen, wie wenige sonst. Ich war ein Standard-Beispiel für Anti-Diät: hauptsache ich aß überhaupt. Was, war egal, doch je mehr Kalorien es hatte und je leichter es von alleine durch die Engstelle in der Speiseröhre flutschte umso besser.

Beispielsweise Leicht & Cross Knäckebrot. Dick und fett mit Mayo bestrichen. Das „Brot“, wenn man es überhaupt so nennen kann, zerfällt so richtig im Mund und durch die Mayo (die ich in schlimmen Zeiten sogar pur und direkt aus der Tube gegessen habe) flutschte es auch gut runter. Es musste die Mayonnaise von Thomy sein und unbedingt die aus der Tube – niemals die aus dem Glas! Olivenöl und Butter habe ich ebenfalls in Massen (und ja, auch pur) gegessen und ein Ernährungswissenschaftler würde mich anhand meiner Ernährung wahrscheinlich als medizinische Unmöglichkeit ansehen.

Als kleines Kind in Deutschland liebte ich es Wakame zu knabbern – das sind diese japanischen Seetang-Stränge. Während andere Kinder mit strahlenden Augen bei ihren Eltern um Schokolade, Bonbons und Lollis bettelten, saß ich schon längst glücklich irgendwo in einer Ecke mit einem Stück Seetang in der Hand – oder einer meiner Vorlieben bis heute: Noriblättern. Die anderen Kinder fanden das so ekelig und ich konnte es einfach nicht begreifen, warum man lieber Süßkram isst, wenn man Wakame und Nori essen könnte. Mit Zucker konnte man mich wirklich jagen!

Gemüse war ebenfalls immer ein leidiges Thema und was haben wir vor ein paar Jahren über Eckart von Hirschhausens „Ernährungsberatung bei der Kindererziehung“ gelacht: Brokkoli „durfte“ ich wirklich nur dann essen, wenn ich ganz besonders brav war und „Oma und Opa niemals davon erzähle“.

Kartoffelbrei oder Milchreis liebte ich hingegen, doch aß ich sie nur, wenn Mama, Papa oder Oma die Pampe zu einer Art Berg auf dem Teller anhäuften. Bei Kartoffelbrei musste ein rohes Ei auf den Bergkrater, bei Milchreis musste oben ein Gummibärchen stehen. Das war der „Bergforscher“. Abendbrote durften keine Rinde haben und mussten möglichst wie niedliche Männchen aussehen. Mayo, Tomatenmark und Senf wurden hier benutzt um den Broten Augen, Nase und Mund aufzumalen, bis hin zu Jackenknöpfen und Co. Wurst und Käse dienten als bunte Flächen. Ihr glaubt gar nicht auf was verrückte Ideen meine Mutter teilweise gekommen ist um mir Essen schmackhaft zu machen!

Vielleicht muss ich Euch aber noch ein genaueres Bild zeichnen, damit Ihr versteht, wie wenig ich tatsächlich essen bzw. schlucken konnte: Ich habe einmal einen Schluck-Test mit meinem Bruder gemacht. Da war ich ungefähr 10 und er 7 Jahre alt. Ein ganzer Mund randvoll mit Wasser: Wie viele Schlucke braucht wer, bis man alles im Bauch hat? Mein Bruder brauchte glaube ich 2 Schlucke; ich an die 40, die ich mit Gewalt durch die Engstelle meiner Speiseröhre in den Magen pressen musste. Und das war an einem Tag, als es eigentlich noch recht gut ging mit dem Schlucken.

Wenn Flüssigkeit (zum Beispiel Brühe) nicht mehr runter ging, hieß es: wieder ab ins Krankenhaus um die damalige Engstelle in der Speiseröhre erneut aufzudehnen. Ich glaube, ich wurde in meinem Leben insgesamt über 100 mal „bougiert“, so wie man das nennt. Mein erstes Lebensjahr habe ich komplett im Krankenhaus verbracht, das zweite zum größten Teil auch. Zu meinem 1. Geburtstag war ich zum allerersten Mal zu Hause und muss dabei ein Theater veranstaltet haben, weil ich wieder zurück ins Krankenhaus wollte – ich kannte es ja nicht anders. Und bis heute hat ein Krankenhaus, samt all den Gerüchen, den Geräuschen, den vielen Menschen in weißen Kitteln, den weißen Wänden und der Hülle und Fülle an Desinfektionsmitteln und Infusions-Päckchen einen Hauch von Heimatgefühl für mich.

Besuche bei Freundinnen waren immer heikel. Erstens fehlte mir die Energie um mit den Gleichaltrigen mithalten zu können und das Essen, was es auf Kindergeburtstagen und sonstigen Feiern und Besuchen gab, konnte ich meist nicht zu mir nehmen, was zwar bei vielen, aber dennoch nicht immer auf Verständnis stieß. Ganz besonders schlimm waren Fremde, die meine Eltern verteufelten „das Kind müsse doch essen und wir sollen uns nicht so anstellen“. Viele wollten nicht glauben, dass ich außerhalb von zu Hause nicht essen wollte und es für mich sogar lebensgefährlich sein konnte: denn blieb etwas stecken wusste man nie was passieren würde. Nicht selten bin ich wegen einem Steckenbleiber blau angelaufen, da ich keine Luft mehr bekam.

Wenn ich nicht gerade durch Sonden ernährt wurde und etwas schlucken wollte, musste ich es so lange kauen, bis keine Stückchen mehr drin waren und selbst das lieferte keine Erfolgsgarantie. Ihr kennt doch vielleicht diese winzigen kleinen Knopfnudeln, diese Ribele? Die sind so klein wie Stecknadelköpfe. Selbst diese musste ich lange kauen, bevor ich probieren konnte, ob sie runter gehen würden. Alle Gerichte wurden in schlimmen Zeiten von Mama oder Papa durch die Kräutermühle gedreht, von Nudeln über gekochtes Gemüse, Wurst und Fleisch bis hin zu Kartoffeln. Sogar Joghurt war ein Problem, da selbst kleinste Klümpchen gerne stecken blieben. Also wurde selbst Joghurt oft durch ein Sieb gedrückt. Überhaupt Joghurt: mit Stückchen ging gar nix runter und bis heute esse ich nur Naturjoghurt, weil der andere immer noch durch einen verinnerlichten Würge-Reflex wieder zurück kommt. Das schlimmste allerdings sind bis zum heutigen Tage feine Kräuterstückchen in Flüssigkeit. Thymian und Rosmarin kein Problem, Basilikum geht gerade noch. Petersilie ist bis heute eine Katastrophe, ebenso wie Dill und noch schlimmer sind fein pürierte Kräuterstückchen in einer Suppe.

Stellt Euch vor, jeder Bissen, den Ihr essen wollt muss gekaut werden und gekaut werden. Jedes Schlucken muss unter großen Kraftanstrengungen geschehen, damit das Essen überhaupt durch die Engstelle der Speiseröhre passt und selbst dann tut es noch weh, als hättet Ihr einen riesigen Kloß im Hals… und oft passiert es, dass es trotzdem nicht runter geht und das Essen wieder zurück kommt. Ich aß, weil ich musste. Nie, weil ich wollte. So war das damals.

Doch zum Glück sollte sich alles zum Guten wenden. Mit 12 1/2 Jahren lies ich mich noch einmal operieren: der Magen sollte in den Brustkorb verlegt werden und ich hoffte auf ein schmerzfreies Essen, das Spaß macht. Die Operation verlief erfolgreich und was war ich glücklich darüber, endlich essen zu können. Blöd für mich: der Magen war das überhaupt nicht gewohnt. Anstatt einfach drauf los zu essen, konnte ich nur Mäusehappen zu mir nehmen, bevor ich vor Bauchkrämpfen nicht mehr weiter wusste. Dumping nennt sich das. Der Magen und der Darm sind überfordert und sagen Dir: „Schluss! Jetzt muss ich verdauen und Du ruhst Dich jetzt aus.“. Das ist, wie wenn Dich ein Boxer k.o. schlägt; so schnell geht das und die Wirkung ist ähnlich. Lange hat es gedauert, bis der Magen endlich vernünftigere Mengen essen konnte – ca. 2 Jahre hat es gebraucht bis ich „normale“ Portionen essen konnte. Doch auch heute bin ich noch dem Dumping erlegen, wenn ich über die Strenge schlage. Ich sehe Sternchen und weiß: nun muss ich mich ausruhen. Was anderes geht da auch gar nicht mehr. Seither weiß ich, wie anstrengend essen eigentlich ist. Es war wie ein Teufelskreis: ich brauchte Nahrung um mehr Kraft zu bekommen, doch Essen strengte mich so an, dass ich nach kurzer Zeit erschöpft war.

Doch obwohl ich nach der Operation nur Winzhappen zu mir nehmen konnte: das Schlucken schmerzte nicht mehr und endlich konnte ich essen. Endlich! Was hatte ich geträumt davon ohne Bedenken in ein Stück Pizza zu beißen. Oder Spaghetti einfach mal im Bauch zu behalten. Oder die sagenhaften Kartoffelpuffer meiner Oma endlich unter fairen Bedingungen mit meinem Bruder um die Wette essen zu können. Der für mich stolzeste Moment war der, als ich zum ersten Mal irgend einen Teller schneller leer gegessen hatte als mein Bruder. Und was habe ich kulinarisch gesündigt in dieser Zeit. Untergewicht war immer noch ein Problem, da mein Bauch ja nur Kleinstmengen vertrug, also könnt Ihr Euch vielleicht vorstellen, was da alles auf meinem Teller gelandet ist. Es war eigentlich egal wie fettig, wie ungesund, wie seltsam es war. Hauptsache, es hatte viele, viele (!) Kalorien. Ich glaube, meinen „Milch“reis hat meine Mama damals in einem Extratopf mit Sahne gekocht und musste immer aufpassen wie ein Luchs, dass mein Bruder nicht davon naschte, sondern nur von der Portion mit Milch abbekam.

Und eine Futtersünde verfolgt mich bis zum heutigen Tag: Wurst. In jeglicher Form. Angefangen bei Saitenwürstchen, die ich inzwischen in so einer Geschwindigkeit und Menge verschlingen kann, das selbst mein Schatz heute, nach 8 Jahren Beziehung, immer noch staunt. Bei wirklich schlimmem Heißhunger beispielsweise ist 1 Paar Würstchen verdrückt, bevor ich die Tüte aus der Metzgerei ins Auto gebracht habe. Ja, ganz recht: die Saitenwürstchen sind da kalt, doch das ist mir in diesem Moment egal. Meine Leidenschaft für Würstchen kennt keine Grenzen: sie geht über Pfefferbeißer von dem Metzger meines Vertrauens in Böblingen, bis hin zur Roten Wurst, Nürnberger Würstchen und dem aller-peinlichsten überhaupt: den englischen „bangers“ – den Frühstückswürstchen für die ich meine Seele verkaufen würde.

Am liebsten esse ich allerdings eine richtig dicke Scheibe Lyoner (mit dick meine ich locker 3 cm!) oder, noch viel besser, ein Stück richtig gute italienische oder auch gerne französische Salami. Das war damals mein Kraftfutter. Das aß ich pur, mit strahlenden Augen, und in Massen. Ich weiß noch, wie ich nach der entscheidenden Operation aus dem Krankenhaus entlassen wurde: Der Arzt meinte mit strengem Blick: „Iss in den nächsten Monaten unbedingt vorsichtig und möglichst weiche Nahrung. Nichts hartes!!“ Wir waren noch nicht einmal richtig raus aus dem Krankenhaus, da grinste mir meine Mama verschwörerisch zu und reichte mir ein Paar getrocknete Pfefferbeißer, von unserem Metzger aus Böblingen. Keine paar Minuten später waren sie aufgegessen und obwohl ich wieder Bauchweh hatte, war ich einfach nur unglaublich glücklich. Und ich schwöre: zusammen mit meinem ersten Riesenteller Spaghetti mit gutem Olivenöl waren diese Pfefferbeißer das leckerste, was ich jemals in meinem Leben gegessen habe!

Tatsächlich bin ich mir sicher: Wurst und Olivenöl haben mich gerettet! Und bis heute kommt das ab und zu durch, auch wenn ich mir keinerlei Gedanken mehr über Untergewicht machen muss. Spaghetti mit 1-2 EL Olivenöl ist bis heute mein Soulfood, das immer geht. Ich esse es, wenn ich Trost brauche, aber auch, wenn ich mir zur Belohnung etwas Gutes gönnen will. Und auch Wurst gehört für mich zum Leben wie das Atmen selbst. Ist gute Salami im Haus muss ich mich regelrecht beherrschen, dass Schatz auch was abbekommt. Und ich brauche noch nicht mal Brot dazu. Ist eh „zu trocken“ und ging ja früher nur schwer runter. Und am allerliebsten esse ich das bis heute nachts. Um nochmal auf Hirschhausen zurück zu kommen: Wie war das doch gleich? Wenn man nachts isst (und als Frau so schnell isst, dass das Essen die Zunge kaum berührt) merkt man ja nicht, was man da isst und nimmt folglich auch nicht zu. Oder?

Und ja, nun ist es raus: Ylva Zuckerwatte, die Frau die die ersten 12 Jahre ihres Lebens nicht essen konnte, liebt es einfach ein gutes, dickes Stück Salami abzuschneiden und sich damit nachts vor einen Fantasy-Schmöker zu klemmen. Die Salami wird dabei übrigens so dick abgeschnitten, dass man wie in einen Apfel herein beißen kann. Und ich muss Euch eines sagen: es schmeckt einfach sooo guuut!

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Und jetzt bin ich neugierig auf Eure Reaktionen. Obwohl ich die Gelegenheit unbedingt nutzen wollte, von meiner Fehlbildung zu erzählen, habe ich nun schwitzige Hände und es kostet mich doch tatsächlich große Überwindung auf den Knopf „Veröffentlichen“ zu klicken. Doch hoffe ich, ich kann mit diesem Beitrag vielen Mut machen. Und vielleicht auch etwas Hoffnung weiter schenken. So vieles ist möglich; man muss nur fest daran glauben und darf niemals, niemals aufhören dafür zu kämpfen.

Wenn Ihr Fragen zu diesem Beitrag habt, stellt sie bitte. Ich beantworte sie gerne! Falls Ihr nicht öffentlich kommentieren mögt, freue ich mich auch sehr über Eure E-Mails. Die Adresse findet Ihr hier.

Ich hoffe nun, ich bekomme den Knopf noch gedrückt – mal sehen, wann ich es schaffe… Wie spät es auch sein mag: Ich wünsche Euch ein wunderbares Wochenende! Genießt das Leben – es ist so unglaublich schön und jeder Tag ist ein kostbares Geschenk!

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Eure Ylva

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