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An manchen Tagen plagt mich das Fernweh. Ganz weit weg will ich da – auch wenn es zu Hause gerade noch so schön ist. Irgendwas in mir ruft nach einem Szenenwechsel: es ruft nach grünen Wiesen, frischer Meeresluft, zerklüfteten Küstenlandschaften… und dem Gefühl sich wieder auf den britischen Inseln zu befinden; umhüllt von dicken Nebelschwaden oder bereits schon mitten im strömenden, kalten Regen. 20080217-DSC03217 Ja, England – meine große Liebe! Obwohl es mir nie in den Sinn kommen würde dort zu leben: alle paar Jahre zieht es mich wie magisch dort hin. Meist in meine Lieblingsstadt London, doch auch gerne mal wo anders hin. Nach Stonehenge, Cornwall oder auch mal an für mich ganz neue Regionen. Und sobald ich englischen Boden betrete atme ich auf, sauge wie ein Schwamm die vermisste Luft in mir auf und fühle mich irgendwie zu Hause in dem Land der undichten Fenster, tropfender Wasserhähne und der Tube – in der Heimat von Sherlock Holmes, Harry Potter und Phil Collins. 20080217-DSC03201 Tja, doch was tun, wenn das Fernweh ruft und man dennoch nicht weg kann? Beispielsweise ein typisch-traditionelles britisches Essen. Angefangen bei British Breakfast oder einfach nur ein wenig Teezeremonie: zu jeder Tageszeit und zu allem, was einen grad bedrückt oder bei einem noch so kurzem Besuch: eine „cup of tea“ tut immer gut und löst jedes Problem. Mit etwas Milch, etwas Zucker und dem herrlichen Duft von frisch gebrühtem Assam.

Oder man probiert mal etwas Neues aus. Einen Klassiker zum Beispiel. In letzter Zeit liefen mir ständig Scotch eggs über den Weg – fragt mich nicht warum. Es war fast schon unheimlich! Im Fernsehen, dann auf der Suche nach ganz anderen Rezepten im Internet und in diversen Kochbüchern und selbst in irgendeiner Zeitschrift stieß ich auf etwas, das dem nicht allzu weit entfernt war. Und auf einmal, an einem verregneten Donnerstag Nachmittag, packte es mich wie verrückt. Der Kühlschrank öffnete sich quasi von selbst, die Kochbücher schlugen sich wie von Zauberhand genau an der richtigen Stelle auf und ich stand mittendrin. Und wusste nicht: wo anfangen?

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Vielleicht erst einmal bei einer Erklärung. Was sind scotch eggs denn eigentlich? Diese Köstlichkeit hat keinesfalls mit Whisky zu tun – das Herkunftsland und eventuell einem Gläschen zum Trinken nebenbei mal abgesehen. Scotch eggs sind eine schottische Spezialität und ein Klassiker auf inselweiten Snack-Platten von Brighton bis Aberdeen, in britischen Kindheitserrinnerungen und in den Picknickkörben von den irischen Wiesen bis zum Ufer von Loch Ness… oder so ähnlich.

Die Zubereitung sieht ungefähr wie folgt aus: man kocht die Eier, löst sie aus der Schale, umwickelt sie mit einer Wurstbrätmasse aus den herrlichen englischen Frühstückswürstchen (oh Gott, wie ich sie vermisse!), paniert sie dann noch damit sie eine tolle krümelige Kruste entwickeln können und frittiert sie schließlich, bis sie herrlich goldbraun und knusprig sind.

Oft wird dabei das Ei gegart, bis es hart ist. Das ist erstens angenehmer beim Picknicken und zudem einfach bei der Zubereitung, da man das Ei einfach kochen kann, bis man die Schale sehr gut abbekommt und das Ei dann auch noch einmal für einige Minuten ins heiße Öl kommt. Immerhin muss ja auch die Wursthülle gut durchgegart werden.

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Es gibt jedoch Köche, die haben es sich zur Perfektion gemacht diese herrliche Köstlichkeit so zuzubereiten, dass das Eigelb noch komplett flüssig ist. Und ihr ahnt es vielleicht schon: Heston Blumenthal beispielsweise steht da ganz oben auf der Liste. Er schafft es tatsächlich die Eier nach nur 3 Minuten Garzeit aus der Schale zu befreien.

Ich habe nach dem 5. Versuch und dem 3. daraus entstandenen Rührei aufgegeben und selbst einen Weg gesucht. Heston ummantelt dann das Ei auf bekannte Weise, frittiert es und schiebt es danach noch zum Fertigbacken in den heißen Ofen. Ich hatte am Donnerstag passenderweise nur 3 Eier im Kühlschrank. Eines ging gleich von vorn herein für die Panade drauf, also hatte ich ganze 2 Versuche. Und ja: das war wirklich sehr utopisch!

Keine 10 Minuten später war ich wieder unterwegs um neue Eier zu kaufen. Die nächsten 3 Versuche schlugen auch fehl – hatte ich Glück einen hungrigen Mann im Haus zu haben! Schatz kam in die Küche, die Augen glänzten: „Oh toll! Krieg ich Rührei?“ Bekam er, klar! Eines nach dem anderen landete auf seinem Teller und am Schluss war er satt und glücklich.

Und ab da, wunderbarerweise, funktionierte es auch mit den Eiern: Die Versuche 6 & 7 klappten einwandfrei. Und am Schluss hatten wir zwei wunderbar köstliche scotch eggs mit flüssigem Eigelb in der Mitte. Mein Herz lachte und das Fernweh war auf einmal nur noch halb so schlimm… und irgendwo in der Ferne glaubte ich einen neblig-kalten Luftzug von einem undichten Fenster zu spüren und sogar der Wasserhahn tropfte. Ihr glaubt mir nicht? Genau so war‘s – ganz sicher!

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Die nächsten Tage wurde das Rezept, das ja eher durch Probieren entstanden war als irgendwie sonst, auf Herz und Nieren überprüft. Und da es wieder und wieder klappte kann ich Euch nun stolz das Allerheil- und Wundermittel gegen Fernweh für Anglophile vorstellen: Mein Rezept für die perfekten scotch eggs.

Ihr seid früher einmal – vielleicht sogar in Schottland – den scotch eggs erlegen und seid nun aber Vegetarier? Und dennoch möchtet ihr gerne das Schottland-Feeling wieder aufleben lassen? Nicht traurig sein: Es gibt inzwischen auch einige Rezepte für vegetarische scotch eggs. Beispielsweise mit Kichererbsen-Ummantelung oder mit Bohnen. Und da wir schon beim Thema Abwandlungen sind: Auch von Varianten mit Fisch hab ich schon gehört und es soll köstlich sein!

Fabulous scotch eggs (schottische Eier) à la Zuckerwatte – gegen Fernweh und andere Zipperlein

Zutaten für 4 Scotch Eggs

  • 4 Eier, Gewichtsklasse M (und am besten direkt vom Hühnerhof oder in Bio-Qualität)
  • 200 g rohe, grobe Bratwürste – je nach Größe 2-4 Stück
  • 2 gestrichener TL mittelscharfer Senf
  • 2 gute Prisen Salz (ich: Bärlauchsalz von Falksalt)
  • etwas frisch geriebener Muskat
  • 1 TL frische und klein gehackte Kräuter (ich: Thymian)
  • eventuell etwas Pfeffer

Für die Panade

  • 1 zusätzliches Ei
  • 1-2 EL Mehl
  • ein paar EL Semmelbrösel

Zudem (wichtig für flüssiges Eigelb am Schluss)

  • Eiswürfel

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Anmerkungen

Da wir keine Fritteuse besitzen haben wir die Eier in einem Topf frittiert. Wie das geht, steht unten im Rezept.

Welche Würste nehmen? Ich habe beim ersten Mal Würste aus Rindfleisch genommen, da sie mich so angelacht haben. Traditionell nimmt man Schweinsbratwürste und wie schon gesagt am besten englische Frühstückswürstchen („bangers“). Das Rind war auch fast etwas zu aromatisch für den herrlichen Eiergeschmack darunter aber lecker war es dennoch. Probiert einfach aus, was Euch am besten schmeckt.

Zudem habe ich beim ersten Mal dem Wurstbrät mehr Flüssigkeit unterrühren müssen, da es recht fest war und sich schlecht flach klopfen lies. Da zudem etwas Würze fehlte habe ich (eingefleischte Schotten bitte kurz weghören) ein winziges Bisschen Sojasauce genommen. Wir fanden das sehr lecker aber auch hier ist das wieder Geschmackssache: experimentiert einfach ein wenig und schaut wie Ihr Eure scotch eggs am liebsten mögt.

Zubereitung

Die Bratwürste aufschneiden und die Füllung heraus drücken. Diese mit dem Senf, den Kräutern, dem Salz und dem Muskat zu einer Masse vermischen und abschmecken.

Die Eier mit einem Eierpieker an beiden Enden anpieksen. Reichlich Wasser in einem kleinen Topf erhitzen und sobald es kocht die Eier vorsichtig hinein geben.

Die Eier nun für exakt 5 1/2 Minuten kochen. Anschließend sofort heraus holen und zum Abschrecken umgehend in kaltes Wasser mit Eiswürfeln gleiten lassen um den Garprozess rasch zu stoppen.

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Die Eier für mindestens eine Minute im Eiswasser lassen, dann heraus nehmen und behutsam pellen – möglichst ohne das Eiweiß zu beschädigen. Ich habe die Eier vorerst vorsichtig rund herum leicht (wirklich: nur ganz vorsichtig) angeschlagen und dann die Schale ringsherum sachte und Stück für Stück entfernt. Die geschälten Eier behutsam und kullersicher bei Seite legen.

Die Wurstbrät-Mixtur in 4 möglichst gleich große Teile trennen und je ein Viertel zu einem flachen Fladen formen. Ich habe hierzu eine kleine Tüte zum Einfrieren zur Hilfe genommen. Der Fladen sollte möglichst gleichmäßig dick sein und so aussehen, als wäre er groß genug um gut um ein Ei herum zu passen.

Nun den Wurstbrät“fladen“ in die eine Handfläche legen, ein Ei darauf legen und nun die Ummantelung vorsichtig um das Ei wickeln. Die jeweiligen Enden behutsam aneinander drücken. Wirklich: seid hier etwas geduldig, auch wenn es schwer fällt. Das Ei ist innen noch sehr weich und bruchanfällig. Die Wurstbrätmasse vorsichtig an das Ei drücken und eventuell etwas glatt streichen, damit das Ei keine „Beulen“ hat.

In eine Schüssel oder einen kleinen Teller das Paniermehl Mehl füllen, in einer weiteren Schüssel das übrige Ei verkläppern und in eine dritte Schüssel die Semmelbrösel geben. Die ummantelten Eier nun sachte im Mehl wälzen, dann ins Ei tauchen (schauen, dass überall ein wenig Ei an das ummantelte Ei kommt, manchmal haftet es nicht sofort) und anschließend das Ganze noch mit den Semmelbröseln panieren. 

Die Eier noch einmal umsichtig und wieder kullersicher bei Seite legen und entweder die Fritteuse auf 190°C vorheizen oder den Frittiertopf vorbereiten: Ausreichend, aber nicht zu hoch Frittieröl in einen Topf geben und auf 190°C erhitzen. Wer kein Thermometer hat kann sich Abhilfe verschaffen: ein kleines Stückchen geschälte Kartoffel ins Öl geben. Sobald das Stückchen oben schwimmt und eine goldbraun-knusprige Färbung angenommen hat, ist das Öl heiß genug und man kann los legen.

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BITTE passt mit dem heißen Öl auf! Füllt den Topf auf keinen Fall zu hoch mit Öl da es beim Frittieren ordentlich sprudelt und seid Euch bewusst, dass es spritzen kann! Erhitzt es nicht zu schnell (wir stellen unseren Induktionsherd maximal auf die 7. von 10 Stufen), sondern lasst Euch lieber Zeit. Und lasst die Topf mit dem heißen Öl möglichst für keinen Moment aus den Augen.

Schwimmt das Kartoffelstückchen fröhlich an der Öl-Oberfläche (bzw. ist die Fritteuse heiß genug) die Ummantelten und panierten Eier – am besten mit einem Schaumsieb – vorsichtig in das Öl tauchen. Nicht zu viele Eier auf einmal garen. In unserer kleinen Kasserolle frittieren wir maximal 2 Eier zur gleichen Zeit. Die Eier nun 5 Minuten ausbacken, bis die Panade goldbraun und herrlich knusprig aussieht.

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Die Eier mit der Schaumkelle aus dem Öl schöpfen und auf Küchenkrepp abtropfen lassen. Rasch servieren… und dann nur noch genießen. Wer etwas Sauce dazu braucht kann sich beispielsweise einen Klecks Senf mit auf den Teller geben.

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Guten Appetit! – Eat plenty! Oder wie die Gälen es sagten: Ith gu leòir!
Eure Ylva

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