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Hier einmal ein Post, der etwas mit meinem Beruf als Foto- und Grafikdesignerin zu tun hat:

Wer kennt sie nicht? Diese eine Schrift, welche die Welt eigentlich nur in 2 Sorten von Menschen aufteilt: Verehrer und Verachter. So kann’s gehen: Da erfindet man eine Schrift, was eigentlich immer mit unheimlich viel Aufwand, Mühe, Zeit und Herzblut verbunden ist und dann kommt sowas bei raus. Tja. Wovon ich rede? Schauen wir uns die Sache mal genauer an:

Es gibt eigentlich nur 2 Schriften, die so berühmt und beliebt sind, aber zugleich auch so gemieden bzw. sogar verachtet werden. Die harmlosere von den beiden ist die Helvetica. Jeder kennt sie. Jeder hat sie auf seinem Rechner. Denn sie ist perfekt. Tatsächlich perfekt für alles. Man kann mit Ihr  jede Botschaft, jedes Wort – ob schön oder hässlich – schreiben und es sieht wunderbar und glaubwürdig und einfach harmonisch aus. Helvetica ist eine der wenigen Schriften mit der man wirklich (!) alles schreiben kann und es sieht gut aus. Hat man keine Ahnung, wie man etwas gestalten soll macht man folgendes: Man nehme den Text, setze ihn in Helvetica extra fett und ändert dann alle Buchstaben in Versalien (also in Großbuchtaben), eventuell macht man noch den Hintergrund farbig und setzt die Buchstaben ein gaaanz kleines bisschen auseinander. Das nennt man in Fachkreisen dann „Laufweite vergrößern“. Und: Voilà – perfekt, schön, toll! Cool!!

Es gibt nichts was nicht schonmal in Helvetica geschrieben wurde und wer sich etwas mit Schriften auskennt und mit offenen Augen durch die Welt läuft, wird sehen: Sie ist ü-ber-all! Auf Aufklebern in der Innenstadt, als Schriftzug einer Firma, aufgedruckt auf Fenstern, in der Bahn, im Bus, im Flugzeug, auf Zigarettenschachteln, Büchern, Gebrauchsanleitungen, Postkarten, DVD-Covern,… und nicht zu vergessen auf Geschäftspapieren, in Werbungen (ob gedruckt oder in Fernsehen). Überall!

Es gibt einen wirklich ganz tollen Dokumentarfilm, der sich mit der Helvetica beschäftigt (er heißt auch schlicht „Helvetica“ – für diejenigen unter Euch, die mal neugierig sind) und sowohl die Verehrer, als auch die „Verachter“ davon befragt warum ja oder warum auf keinen Fall diese Schrift.

Das Harmlose an der Helvetica ist, dass selbst diejenigen, die diese Schrift nicht ausstehen können, trotz allem zugeben müssen, dass sie wirklich einfach perfekt ist. Denen ist sie nämlich eben dies, und das schon fast viel zu sehr! Ein sehr bekannter deutscher Typograph (Erik Spiekermann) sagt im oben genannten Dokumentarfilm, dass er die Helvetica nicht ausstehen könne, weil er bei Buchstaben Individualität und Charakter haben will und „keine Soldaten, die alle den gleichen verdammten Helm auf dem Kopf haben“ und somit alle gleich aussehen. Eine ganz große Gruppe an Designern, die diese Schrift grundsätzlich vermeidet, hat meist eine Art „Helvetica-Trauma“ durch Massenbenutzung hinter sich. Als die Helvetica in den 50er Jahren veröffentlicht wurde, war das ein Bomben-Erfolg. Denn sie war nicht nur neu, sondern außergewöhnlich für diese Zeit: frisch, simpel, ohne Schnickschnack und sie wirkte leicht. Also wurde sie eigentlich von jedem benutzt. Und wenn ich sage „jeder hat sie benutzt“, dann meine ich das auch. Coca Cola und viele, viele andere, haben sich dadurch ein moderneres, jugendliches und dennoch glaubhaftes Image versprochen und haben eben dies dann auch bekommen. Viele heutige Designer wehren sich alleine schon deswegen gegen die Helvetica, weil sie vor ein paar Jahrzehnten so übermäßig viel benutzt wurde, dass sie sie einfach nicht mehr sehen wollen. Also nimmt man halt eine andere Schrift, die einem gefällt und die auch passt und die Sache hat sich erledigt.

Doch dann gibt es ja noch diese andere Schriftart. Von vielen wird sie tatsächlich sogar so schlimm verachtet, dass es schon Homepages, T-Shirts oder E-Mail Signaturen gibt, die in die Welt hinaus rufen, wie schlimm diese Schrift ist. Sooo… Wer kann hier erraten um welche Schrift es sich handelt?

Diese – wahrscheinlich auch jedem bekannte – Schrift ist die Comic Sans MS. Die in den 90er Jahren von Microsoft kreierte Schrift wird wirklich entweder geliebt und dann für wirklich ALLES benutzt, was Mann oder Frau schreibt oder so stark gehasst, wie man es sich kaum vorstellen kann. „Most hated font of the world“ ist eine gängige Bezeichnung im Internet. Besonders verpöhnt ist diese Schrift unter Designern weltweit, da sie leider sehr oft zweckentfremdet wird – insbesondere für den geschäftlichen Gebrauch, wo sie absolut nichts zu suchen hat. Jeder hat diese Schrift auf seinem PC, denn ebenso wie die Helvetica ist diese vorinstalliert, und die meisten wollen sie benutzen, weil sie „so süß ist“. Kleiner Exkurs in die Typografie am Rande: In sachlichen und/oder geschäftlichen Bereichen hat diese Schrift nichts zu suchen. Sie ist tatsächlich nur als Schrift für Comic-Sprechblasen gedacht und sollte ansonsten maximal für Kinder-Printsachen verwendet werden. Da hört das Anwendungsgebiet schon auf.

Und so geschah es jedenfalls, dass vielen Designern mittlerweile die Haare zu Berge stehen, wenn sie diese Schrift irgendwo sehen. Es gibt inzwischen sogar eine Schriftart im Netz, die sich „I hate Comic Sans“ nennt. Nur um die Spitze vom Eisberg zu nennen.

Und heute bin ich auf etwas gestoßen, bei dem ich einfach nur grinsen musste, da es wieder mal das gute alte Thema Comic Sans anspricht: Ein „Kill Comic Sans“ Spiel. Es ist aufgebaut wie Moorhuhn, nur stellt der Schriftzug in besagter Schrift das Ziel dar. Wer mal probieren mag kann hier mal drauf klicken und sich – wenn er mag – abreagieren.

Und wie ich zu der ganzen Sache stehe? Ich bin weder ein Fan von der Helvetica noch von der Comic Sans, aus all den Gründen, die ich oben aufgezählt oder nicht aufgezählt habe. Derzeit mag ich eher Schriften mit Serifen (das sind diese kleinen Ecken an den Buchstaben). Welche genau ändert sich je nach Stimmung.

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